Wer ist Fabrice Bellard?

Die Geschichte von BPG ist untrennbar mit ihrem Erfinder verbunden. Fabrice Bellard ist eine der ungewöhnlichsten Figuren der modernen Software-Geschichte — französischer Programmierer, der einsam und ohne formale Forschungsstruktur Projekte schreibt, die ganze Industrien prägen.

Bellards Liste ist beeindruckend. FFmpeg (2000) — die universelle Video-Codec-Bibliothek, die heute in jedem Smartphone, jedem Browser, jeder Streaming- Plattform steckt. QEMU (2003) — der wichtigste Open-Source- Hardware-Emulator, der Cloud-Computing technisch erst möglich machte (Amazon EC2 basiert auf QEMU-Derivaten). TinyCC — ein C-Compiler in 100 KB. Bellard ist berühmt für solche Solo-Projekte mit industrieller Auswirkung.

2014: Bellard veröffentlicht BPG

Im Dezember 2014 stellte Bellard BPG (Better Portable Graphics) vor. Seine Ankündigung war typisch nüchtern: ein neues Bildformat, das deutlich kleinere Dateien als JPEG bei vergleichbarer Qualität liefert. Die Web-Community reagierte mit Erstaunen — Bellards Demo-Seite zeigte Side-by-Side-Vergleiche, bei denen BPG-Dateien oft 30–50 % kleiner waren als optimale JPEGs.

Die technische Grundlage war elegant. BPG nutzte die Intraframe-Komprimierung von HEVC (H.265, der damals neueste Video-Codec, siehe unsere HEIF/HEIC-Geschichte). Anders als WebP, das auf dem älteren VP8 basierte (siehe WebP-Geschichte), griff BPG auf den modernsten verfügbaren Codec zu und packte ihn in einen einfachen Container.

Der JavaScript-Decoder-Trick

Bellards genialer Move war ein JavaScript-Decoder. Browser unterstützten BPG nicht nativ; aber Bellard lieferte einen Decoder als asm.js-JavaScript-Bibliothek, die in jedem modernen Browser BPG-Dateien dekodieren und im Canvas anzeigen konnte. Web-Entwickler mussten kein Plug-In installieren, keinen Browser-Update abwarten — sie konnten BPG sofort einsetzen.

Der Decoder war zwar groß (etwa 200 KB JavaScript) und langsamer als ein nativer Decoder, aber er funktionierte überall. Dies war 2014 eine der ersten ernsthaften Demonstrationen, dass moderne Codecs als JavaScript-Pakete deployable waren. WebP hatte das nie versucht; AVIF baute später auf demselben Konzept auf.

Die Web-Begeisterung 2014–2015

Mehrere Monate lang war BPG das Tech-Thema des Augenblicks. Hacker News und Reddit waren voller Diskussionen, Web-Entwickler experimentierten, kleine Selbst-Hoster-Sites lieferten BPG-Bilder aus. Eine besondere Pointe: BPG erreichte Effizienz-Werte, die WebP wegen seines älteren Codec-Erbes nicht erreichen konnte — 5–10 % kleinere Dateien als WebP bei gleicher Qualität, oft mehr.

Bellard demonstrierte auch Animation in BPG, ähnlich wie GIF aber mit vollständiger HEVC-Komprimierung. 10-Bit-Tiefen und Alpha-Kanal waren möglich. Bellard baute ein vollständiges Pickelband moderner Bildformat-Features auf — alleine, in wenigen Monaten.

Das Patent-Problem

BPGs Schicksal war jedoch besiegelt — und Bellard wusste es. HEVC ist patentbelastet. Drei verschiedene Patent-Pools (MPEG LA, HEVC Advance, Velos Media) fordern Lizenzgebühren für die Verwendung des Codecs. Wer BPG-Decoder in seine Browser-Software einbauen wollte, hätte sich mit allen drei Pools auseinandersetzen müssen.

Für einen Solo-Entwickler wie Bellard war das ein theoretisches Problem; für Google, Mozilla, Microsoft und Apple ein konkretes wirtschaftliches Risiko. Apple konnte sich HEVC leisten und nutzte es später in HEIC, aber für ein plattform-übergreifendes Web-Format war es zu teuer.

Bellard war selbst klar: BPG würde nie ein Web-Standard werden, solange das Patent-Problem ungelöst war. Er beschrieb es selbst als „Proof-of-Concept" — eine Demonstration, was technisch möglich war. Die Adoption sollte über Hersteller-Initiativen wie Apple's HEIC erfolgen, die die Patent-Probleme kommerziell lösen konnten.

BPG als Sirenenruf für die Industrie

BPGs eigentlicher Einfluss lag nicht in seiner direkten Adoption, sondern als Wegweiser. Bellard hatte demonstriert, dass moderne Video-Codecs auch ausgezeichnete Bildformate ergeben. Apple griff 2017 den Punkt auf und brachte HEIC (HEIF-Container mit HEVC-Codec) auf das iPhone. Die Allianz für Open Media (AOMedia) griff den Punkt auf und schuf 2019 AVIF (HEIF-Container mit AV1-Codec, siehe unsere AVIF-Geschichte).

Eine Detail-Pointe: Bellards BPG-Container war konzeptionell sehr ähnlich zu HEIF — beide nutzen ISO BMFF-Strukturen und verpacken HEVC-Intraframes. BPG war in vielen Aspekten ein eigenständiger Vorläufer dessen, was später als HEIC und AVIF industriell standardisiert wurde.

BPG heute: Archiv-Status

2026 ist BPG ein historisches Artefakt. Bellards offizielle BPG-Seite existiert noch (bpg.bellard.org), die Tools sind verfügbar, der JavaScript-Decoder funktioniert. Aber kein Browser unterstützt BPG nativ, keine moderne Bildverarbeitungs-Software gibt es aus, niemand liefert ernsthaft BPG-Bilder im Web aus. Wer ein BPG-Bild vorfindet, konvertiert zu modernen Formaten — JPG, WebP oder AVIF.

Bellard selbst ist weitergezogen. Er arbeitete später an LZ-basierten Komprimierungs-Verfahren und an Sprachmodellen für extreme Text-Komprimierung. BPG bleibt ein Beispiel seiner Methode: ein Einzelner kann mit klaren Konzepten und robustem Engineering ein Format bauen, das technisch konkurrenzfähig ist — und dann an den nicht-technischen Faktoren (Patente, Politik, Adoption) scheitern.

Was wir von BPG lernen

  • Technische Überlegenheit reicht nicht. BPG war besser als JPEG und WebP zur Zeit seines Erscheinens. Es scheiterte trotzdem.
  • Patente sind der unsichtbare Filter. Format-Standards leben oder sterben oft an Lizenz-Fragen, nicht an Code-Qualität.
  • Solo-Entwickler können prägen, ohne zu dominieren. Bellards BPG hat HEIC und AVIF beeinflusst, ohne selbst Standard zu werden.
  • Browser-Nativeness ist unverzichtbar. JavaScript-Decoder funktionieren technisch, aber sie haben keine Performance-Hebel und werden nie Mainstream-Default-Format.

Wann BPG die richtige Wahl ist

Praktisch nie. BPG ist 2026 ein historisches Format ohne aktuelle Web-Anwendung. Die einzigen relevanten Szenarien sind: Format-Migration alter BPG-Archive zu modernen Formaten, akademisches Studium der Codec-Geschichte, Tech-Trivia. Für aktuelle Web-Auslieferung ist die richtige Wahl AVIF (für maximale Komprimierung) oder WebP (für maximale Browser-Coverage). Eine Übersicht der modernen Format-Wahl findest du in unserem Bildformate-Vergleich.

Quellen

Fabrice Bellard — BPG-Projektseite · ITU-T H.265 — HEVC-Spezifikation · Wikipedia — Better Portable Graphics · Fabrice Bellard — Persönliche Webseite · Hacker News — BPG-Diskussion 2014 · MPEG LA — HEVC Patent Portfolio License · Bellard, F., „BPG Image Format Specification", bellard.org 2014.