2006: Microsoft kündigt Windows Media Photo an
Im Mai 2006 stellte Microsoft auf der WinHEC-Konferenz ein neues Bildformat vor: Windows Media Photo. Die Strategie war ambitioniert. Microsoft hatte beobachtet, wie das JPEG-Komitee mit JPEG 2000 (siehe unsere JPEG-2000-Geschichte) versucht hatte, den klassischen JPEG abzulösen, und gescheitert war. Microsoft glaubte, einen besseren Ansatz zu haben.
Hinter dem Format steckte das Microsoft Research-Team in Redmond. Die technische Grundlage war eine Variante der DCT (Discrete Cosine Transform, das Verfahren des klassischen JPEG) mit verbesserten Block-Größen und einer Hadamard-Vorverarbeitung. Statt der 8×8-Blöcke von JPEG nutzte Microsofts Codec 16×16-Makroblöcke mit Sub-Blöcken — ähnlich wie moderne Video-Codecs (HEVC, AV1).
2007: Umbenennung zu HD Photo
Im November 2007 benannte Microsoft das Format in HD Photo um — eine Marketing-Entscheidung. Microsoft positionierte das Format gegenüber JPEG als das „bessere Format für High-Definition-Inhalte": doppelter Dynamikumfang, bessere Komprimierung, eingebettete ICC-Farbprofile. „HD Photo" sollte sich neben „HD Audio" und „HD Video" als HD-Standard für Bilder etablieren.
Microsoft baute HD Photo aktiv in eigene Produkte: Windows Vista konnte HD Photo öffnen und schreiben, Windows Media Player zeigte HD Photos an, Internet Explorer 9 (2011) brachte nativen HD-Photo-Support. Microsoft Office 2010 unterstützte den Import. Die Strategie war klar: Microsoft pushte HD Photo über sein eigenes Ökosystem.
2009: ISO-Standardisierung als JPEG XR
Microsoft wollte mehr als ein proprietäres Format. Im April 2009 wurde HD Photo als ISO/IEC 29199-2 ratifiziert — formell ein internationaler Standard mit dem Akronym JPEG XR (Extended Range). Damit war das Format kein Microsoft-Eigentum mehr, sondern ein offener Standard, den jeder implementieren konnte.
Eine wichtige Begleit-Entscheidung: Microsoft gab eine Patent-Lizenz unter „Reasonable and Non-Discriminatory" (RAND) Bedingungen frei. Das bedeutete: Open- Source-Implementierungen waren erlaubt, kommerzielle Implementierungen brauchten eine Lizenz, deren Konditionen Microsoft kontrollierte. Das war weniger generös als royalty-free, aber besser als die HEVC-Patentpools.
Die technischen Stärken
JPEG XR brachte mehrere strukturelle Verbesserungen gegenüber klassischem JPEG:
- Höherer Dynamikumfang. Bis zu 32-Bit-Float pro Kanal, also echte HDR-Unterstützung. JPEG XR kann photometrische Helligkeits-Werte direkt speichern, wie OpenEXR (siehe unsere OpenEXR-Geschichte).
- Verlustfrei und verlustbehaftet im selben Codec. Wie JPEG 2000 unterstützt JPEG XR beide Modi mit derselben Pipeline.
- Tile-basierte Codierung. Ein JPEG-XR-Bild kann in Tiles unterteilt werden, was paralleles Decoding und partielles Laden ermöglicht.
- Geringe Encoder-Komplexität. Anders als JPEG 2000 ist JPEG XR relativ leicht zu encodieren — vergleichbar mit klassischem JPEG, deutlich schneller als JPEG 2000.
2011: Internet Explorer 9 implementiert
Internet Explorer 9 brachte native JPEG-XR-Unterstützung. Microsoft hoffte auf einen Domino-Effekt: wenn IE9 das Format unterstützte (und IE9 hatte damals immer noch signifikante Web-Marktanteile), würden Mozilla, Chrome und Safari nachziehen müssen.
Die Hoffnung erfüllte sich nicht. Mozilla lehnte JPEG XR explizit ab, mit Verweis auf die unklare Patent-Situation und auf das parallel laufende WebP-Projekt (siehe unsere WebP-Geschichte). Chrome implementierte JPEG XR nicht. Safari schwieg. JPEG XR blieb ein IE-only-Format.
Der ungewollte Tod 2016
Mit Edge (2015) als Microsofts neuem Browser und der allmählichen Internet-Explorer- Abkündigung verschwand auch JPEG XR aus dem Mainstream. Edge basierte zunächst auf Microsofts eigener EdgeHTML-Engine, die JPEG XR unterstützte — aber ab 2020 wurde Edge auf die Chromium-Engine umgestellt, und damit verlor JPEG XR seinen letzten Browser-Halt.
Heute, im Jahr 2026, gibt es keinen Mainstream-Browser, der JPEG XR nativ unterstützt. Microsoft selbst hat das Format nicht offiziell zurückgezogen — die ISO-Spezifikation existiert weiter —, aber der Adoption-Weg ist versperrt.
JPEG XR in Office-Workflows
Eine kleine Nische lebt weiter: Microsoft Office (Word, PowerPoint) kann JPEG-XR- Bilder einbetten und exportieren, was in manchen Enterprise-Workflows relevant ist. Auch Microsoft's eigene Foto-App auf Windows 10/11 kann JPEG XR lesen. Aber im Web-Kontext und für Cross-Plattform-Sharing ist JPEG XR irrelevant.
Open-Source-Tools wie ImageMagick und libjxr (die Microsoft-Referenz-Bibliothek, die unter BSD-Lizenz veröffentlicht wurde) können JPEG XR dekodieren und zu PNG, JPG oder modernen Web-Formaten konvertieren. Ein praktischer Workflow für die Migration: alte JPEG-XR-Dateien aus Office-Archiven mit ImageMagick zu JPG oder AVIF konvertieren.
Was JPEG XR uns über Format-Strategie lehrt
JPEG XRs Schicksal ist ein klassisches Beispiel für die Komplexität moderner Web-Standards. Drei Lektionen:
- Browser-Allianzen sind unverzichtbar. Ein Format, das nur ein Browser unterstützt, hat keine Web-Zukunft — egal wie gut die ISO-Standardisierung ist.
- RAND-Patente sind schlechter als royalty-free. Mozillas Ablehnung wegen Patent-Bedenken war richtig: jedes Format, das nicht royalty-free ist, hat es schwer.
- Ein Hersteller-Format hat strukturell schlechte Chancen. Selbst Microsofts Vermögensmacht reichte nicht, um JPEG XR durchzudrücken. AVIF gelang die Adoption nur, weil es aus einer Allianz mehrerer Industrie-Größen hervorging.
Vergleich zu modernen Alternativen
Für die Anwendungsfälle, die JPEG XR adressieren sollte, sind heute andere Formate die richtige Wahl:
- HDR-Foto-Komprimierung: AVIF, JPEG XL — beide deutlich besser als JPEG XR.
- Verlustfreie Foto-Komprimierung: WebP-Lossless, PNG-3, JPEG XL.
- HDR-Render-Output: OpenEXR für VFX, EXR für Game-Engines.
- Web-Auslieferung mit hohem Dynamikumfang: AVIF mit BT.2020-Farbraum ist die moderne Antwort.
Wann JPEG XR die richtige Wahl ist
Praktisch nie für neue Inhalte. Die einzige relevante Anwendung 2026 ist die Migration alter JPEG-XR-Archive zu modernen Formaten. Office-Workflows mit existierenden JPEG-XR-Dateien können das Format weiter nutzen, sollten aber für neue Inhalte auf moderne Formate umsteigen. Eine Übersicht der modernen Format-Wahl findest du in unserem Bildformate-Vergleich.
Quellen
ISO/IEC 29199-2 — JPEG XR Core Coding · Microsoft Learn — JPEG XR Codec · ISO/IEC 29199-3 — JPEG XR Motion Format · JPEG-Komitee — JPEG XR Übersicht · Wikipedia — JPEG XR · JPEG-XT-Referenz-Implementierung · Microsoft Corporation, „Windows Media Photo Bitstream Specification", Microsoft Research 2006.