1987: Display, ein Studentenprojekt
Die Geschichte von PSD beginnt in Ann Arbor, Michigan, mit einem Doktoranden-Projekt. Thomas Knoll studierte 1987 Computer Vision an der University of Michigan und brauchte eine Software, die Graustufen-Bilder auf einem Macintosh-Plus- Display anzeigen konnte. Apples damalige System-Software konnte kein Graustufen- Display nativ. Thomas schrieb eine kleine Software namens Display, die das Problem löste.
Sein Bruder John Knoll, damals Visual-Effects-Supervisor bei Industrial Light & Magic (Lucas Films Effekt-Studio), sah Display und fragte: kannst du das erweitern, sodass es auch Bildbearbeitung kann? Thomas Knoll sagte ja. Die Brüder entwickelten gemeinsam ein erweitertes Programm — Display wurde zu ImagePro, dann zu Photoshop. Im September 1988 schloss Thomas einen Vertrag mit einem kleinen Scanner-Hersteller (BarneyScan), der das Programm in 200 Exemplaren mitlieferte.
1990: Adobe übernimmt
Im April 1989 reisten die Knoll-Brüder ins Silicon Valley und führten Photoshop dem jungen Adobe-Mitarbeiter Russell Brown vor. Brown erkannte das Potenzial sofort. Im September 1989 schloss Adobe einen Lizenzvertrag, der die exklusiven Vertriebsrechte sicherte. Am 19. Februar 1990 erschien Photoshop 1.0 für 895 US-Dollar — zunächst nur für den Macintosh.
Photoshop 1.0 hatte schon das eigene Datei-Format: PSD (Photoshop Document). PSD speicherte alles, was eine Photoshop-Sitzung enthielt — die Pixel-Daten, die Auswahl-Masken, die Farbkanäle, später Layer, Effekte und Adjustments. Die Spezifikation war damals einfach genug, dass Thomas Knoll sie allein implementieren konnte.
1994: Photoshop 3.0 erfindet Layer
Die folgenreichste Erweiterung von PSD kam mit Photoshop 3.0 im November 1994: Layer. Vorher war ein Photoshop-Bild ein einzelnes Pixel-Raster; jede Operation veränderte das Bild destruktiv. Mit Layer wurde Photoshop ein Composit-Werkzeug — separate Ebenen, jede mit eigenen Pixeln und Transparenz, dynamisch übereinandergelegt.
Layer revolutionierten die Bildbearbeitungs-Praxis. Designer konnten nicht-destruktiv arbeiten, Schichten ein- und ausblenden, Effekte separat behalten. PSD musste das alles speichern — und tat es. Die Datei-Größe explodierte. Ein einlagiges Photoshop-Bild war typisch 5–10 MB; ein zwanzig-Layer-Composit konnte 200–500 MB haben.
Die Architektur von PSD
PSD ist im Kern ein binäres Container-Format mit fünf Sektionen: Datei-Header(Identifikation, Maße, Farbtiefe), Farb-Modus-Daten (für indizierte Farbpaletten), Image Resources (Photoshop-spezifische Metadaten wie Slice-Definitionen, Pfad-Daten, Druck-Einstellungen), Layer und Mask Information (die eigentlichen Layer-Daten) und Image Data(das flachgerechnete Composit-Bild).
Eine Eigenheit, die PSD von TIFF (siehe unsere TIFF-Geschichte) unterscheidet: PSD ist deutlich strenger strukturiert. Während TIFF eine offene Tag-Sammlung ist, hat PSD eine fest definierte Reihenfolge der Sektionen und Sub-Sektionen. Das macht PSD-Decoder weniger fehleranfällig, aber auch weniger flexibel.
2003: PSB für riesige Dateien
PSD hatte ein hartes Limit: maximale Bild-Auflösung 30 000 × 30 000 Pixel, maximale Datei-Größe 2 GB. In den frühen 2000ern stießen High-End-Anwendungen an diese Grenze: Astrofotografie, Posterdrucke in Riesenformat, hochauflösende Mikroskopie-Visualisierungen. Adobe entwickelte PSB (Photoshop Big), das diese Limits aufhebt: Auflösung bis 300 000 × 300 000 Pixel, Datei-Größe bis 4 Exabyte.
PSB ist binär-kompatibel mit PSD — es nutzt nur 64-Bit-Offsets statt 32-Bit. Heute speichert Photoshop standardmäßig PSB, wenn ein Bild über die PSD-Limits geht.
Smart Objects und Adjustment Layer
Zwei weitere Erweiterungen prägten PSD. Smart Objects (eingeführt mit CS2 in 2005) erlauben es, ein anderes Bild als „referenziertes Objekt" einzubetten — der Layer hält die Original-Vektor- oder Raster-Daten und rendert sie bei Bedarf neu, ohne Qualitätsverlust beim Skalieren. Adjustment Layer (seit Photoshop 4 in 1996) speichern Effekte (Helligkeit, Kontrast, Levels) als dynamische Operationen, nicht als zerstörende Pixel-Veränderungen.
Beide Features blähen PSD-Dateien weiter auf, machen aber den Workflow flexibel. Eine moderne Photoshop-Datei eines Profi-Designers kann 50+ Layer haben, mit Smart Objects, Adjustment Layer, Mask-Strukturen und eingebetteten Schriftarten — alles in einer Datei, alles wieder editierbar.
Andere Software liest PSD
Weil PSD der Industrie-Standard ist, mussten andere Programme es unterstützen. Affinity Photo (2015), GIMP (seit Version 2.4), Krita, Pixelmator Pro — alle können PSDs öffnen, mit variierender Treue. Die Schwierigkeit: Photoshop-spezifische Features (manche Layer-Effekte, neuere Adjustment-Typen, Smart Objects mit verschachteltem Inhalt) sind undokumentiert oder schwer reverse-zu-engineeren.
Adobe gibt offiziell die PSD File Format Specification als PDF heraus — ein 200-seitiges Dokument, das die wichtigsten Strukturen beschreibt. Aber: die Spec ist unvollständig. Viele moderne Photoshop-Funktionen werden in der Spec nicht dokumentiert; Drittsoftware muss sie rückwärts erschließen, was zu Kompatibilitäts-Lücken führt.
PSD und Web 2026
PSD ist kein Web-Format. Browser können PSD nicht anzeigen, keine E-Commerce-Plattform akzeptiert PSD als Asset-Upload. Wer ein PSD aus dem Design-Tool ins Web bringen will, exportiert eine Flat-Variante als JPG, PNG oder WebP. Photoshops „Export As" (seit CC 2015) macht diesen Export halbwegs komfortabel.
Ein subtiles Problem: PSDs aus Photoshop können RGB- oder CMYK-Farbprofile haben. CMYK-PSDs für Web-Export müssen zu RGB konvertiert werden — sonst werden die Farben falsch dargestellt. Eine Detail-Anleitung dazu in unserem Web-Optimierungs-Guide.
Wann PSD die richtige Wahl ist
- Master-Datei für Photoshop-Workflows. Alle Layer, Effekte, Smart Objects bleiben editierbar — das ist der eigentliche Sinn von PSD.
- Cross-Software-Austausch. Affinity, GIMP, Krita lesen PSD; auch wenn nicht alle Features übernommen werden, ist es der robusteste Austausch-Format für Pixel-Designs.
- Backup von Bearbeitungs-Sitzungen. Wenn du in 6 Monaten zur Datei zurückkehrst, willst du nicht „flat PNG" haben — du willst die Layer.
Wann PSD nicht ideal ist: Web-Auslieferung (komplett falsch — PSD-Export zu JPG/WebP), Sharing mit Nicht-Photoshop-Nutzern, Archivierung (TIFF ist besser dokumentiert), E-Mail (Datei-Größe meist absurd).
Quellen
Adobe — Photoshop File Format Specification · Adobe Photoshop — offizielle Produktseite · Computer History Museum — Photoshop Source Code Release · GIMP-Projekt · Affinity Photo · Krita-Projekt · Story, D., „The Photoshop Story", Adobe Magazine 2020.